EU Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Zur Bedeutung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale für den Lehrerberuf

Es gibt keine ‚ideale Lehrerpersönlichkeit‘: Man kann auf sehr verschiedene Art und mit durchaus unterschiedlicher und ausgeprägt individueller Persönlichkeit ein ‘guter Lehrer‘ oder eine ‚gute Lehrerin‘ sein. Die Lehrerforschung hat jedoch herausgefunden, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gleichsam eine solide Basis für den Studien- und den Berufserfolg bei bilden.

Kontaktbereitschaft

Mittlere bis hohe Werte im Persönlichkeitsbereich Kontaktbereitschaft sind günstig für eine erfolgreiche und persönlich befriedigende Berufstätigkeit als Lehrer/in.
Dies wird plausibel, wenn man sich den Tagesablauf von Lehrer/innen vor Augen hält: Abgesehen von der individuellen Vorbereitung auf den Unterricht, haben Lehrer/innen während ihrer gesamten Arbeitszeit irgendetwas mit Menschen zu unternehmen – zum Beispiel Schüler/inne/n einen Lehrstoff zu vermitteln, mit ihnen zu diskutieren, Elterngespräche zu führen oder mit Kolleg/inn/en an der Weiterentwicklung der Schule zu arbeiten. Wer lieber für sich allein bzw. ausgeprägt sachorientiert ist, dem können diese 'Zwangskontakte' leicht zu viel werden.

Eine stärkere Sachorientierung kann sich andererseits auch günstig auswirken, vor allem auf den Studienerfolg oder auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff. Es ist auch möglich, dass sich eine hohe Sachorientierung der Lehrkraft unter bestimmten Umständen – zum Beispiel bei älteren und fachlich interessierten Schüler/inne/n – nicht nachteilig auf die Unterrichtsarbeit auswirkt.
Das Problem dürfte jedoch darin liegen, dass es keine Garantie gibt, dass man in der Schule einmal solche Bedingungen vorfindet. In der Regel müssen Lehrer/innen nämlich zunächst selbst dafür sorgen, dass sich Schüler/innen auf Lehrinhalte einlassen und sich für diese zu interessieren beginnen – und diese Motivation der Schüler/innen gelingt solchen Lehrer/innen wesentlich leichter, die einen 'guten Draht' zu den Schüler/inne/n finden.

Wenn man also eher sachorientiert als kontaktbereit ist, dann sollte man lieber eine Berufstätigkeit anstreben, bei der ‚die Sache‘ im Zentrum steht, man sollten also z. B. eher Biologin bzw. Biologe werden als Biologielehrer/in. Eine gewisse Veränderung in Richtung Kontaktbereitschaft ist zwar möglich, es stellt sich aber die Frage, ob eine solche Änderung des ‚Temperaments‘ ein lohnendes Ziel ist – es gibt ja durchaus attraktive Berufe, die gut zu sachorientierten Menschen passen.

Stabilität

Ein zumindest mittleres Maß an psychischer Stabilität ist eine notwendige Voraussetzung dafür, den Anforderungen des Lehrerberufs auf Dauer gewachsen zu sein:

Die Schüler/innen sind – im wahrsten Sinn des Wortes – 'Kinder unserer Zeit', häufig desorientiert und nicht immer 'pflegeleicht'. Dies gilt nicht nur für ältere Schüler/innen: Wer noch wenig Erfahrungen mit jüngeren Kindern hat, der ist vielleicht überrascht, wie anstrengend ein Unterrichtstag bei 25 Schulanfänger/inne/n sein kann!

Zugleich stellen viele Eltern und die Gesellschaft sehr hohe Ansprüche an die Lehrer/innen, ohne immer bereit zu sein, sie bei der Erfüllung ihrer Aufgaben auch entsprechend zu unterstützen. Lehrer/innen sollen Konflikte ertragen und womöglich bewältigen, auch unmotivierten Schüler/inne/n einen soliden Grundstock an Kenntnissen und Fertigkeiten vermitteln, auch mit kritischen Eltern kooperativ umgehen und vieles mehr – das erfordert schon einiges an Gelassenheit, Belastbarkeit und Selbstbewusstsein auf Seiten der Lehrerin bzw. des Lehrers.

Damit ist nicht gesagt, dass Lehrer/inne/n keinerlei Anspannung, Zweifel an der eigenen Kompetenz oder Gefühle der Überforderung kennen sollten. Solche Erfahrungen gehören zum Leben – und sie erleichtern es Lehrer/inne/n, sich in Schüler/innen mit psychischen Problemen einfühlen und auch das eigene Handeln kritisch hinterfragen zu können. Wichtig ist jedoch, dass diese Gefühle nicht Oberhand bekommen und dadurch das Handlungsrepertoire der Lehrerin bzw. des Lehrers einschränken.

Man kann bis zu einem gewissen Grad lernen, mit belastenden Situationen zurande zu kommen. Bei ausgeprägter Labilität sollte man jedoch eher einen Beruf wählen, in dem solche Situationen seltener vorkommen als im Lehrerberuf.

Selbstkontrolle

Ein mittleres bis hohes Ausmaß an Selbstkontrolle ist günstig, wenn man ein Studium erfolgreich abschließen möchte, und Selbstkontrolle ist auch wichtig für die Berufsausübung als Lehrer/in:
Ein Hochschulstudium erfordert um einiges mehr an Selbstdisziplin als der Besuch des Gymnasiums. Man kann sich zwar überwiegend auf Lehrstoffe konzentrieren, die man selbst gewählt hat – die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass es im Massenbetrieb der Hochschule kaum jemandem auffällt, wenn ein Student des Öfteren nicht in die Lehrveranstaltung geht, wenn er dem Vortrag nicht mehr folgen kann, weil er das Lernen auf die in ungewohnter Ferne liegende Prüfungszeit verschiebt oder wenn er verabsäumt, sich rechtzeitig für einen Sprechstundentermin anzumelden.

Eine gewisse ‚Lockerheit‘ im Umgang mit den Studienanforderungen kann zwar manchmal durchaus entlastend sein, ab einer bestimmten kritischen Marke ist jedoch mit fachlichen Defiziten zu rechnen, die sich bis in den Beruf hinein auswirken können.

Selbstkontrolle ist auch wichtig während der Berufsausübung, da Lehrer/innen viel Gestaltungsspielraum haben: An ihnen liegt es zum Beispiel, wie zielgerichtet sie den Unterricht vorbereiten, wie sorgfältig sie Korrekturen durchführen und wie viel Zeit sie für ihre Fortbildung aufwenden. Von ihrer Selbstkontrolle hängt es auch ab, ob sich die Schüler/innen, deren Eltern und die Kolleg/inn/en darauf verlassen können, dass Vereinbarungen eingehalten werden – auch wenn dies oftmals das Zurückstellen eigener, spontaner Einfälle und Wünsche erfordert. Lehrer/innen sind diesbezüglich auch Vorbilder für ihre Schüler/innen.

Selbstkontrolle lässt sich bis zu einem bestimmten Grad trainieren – dass man entsprechende Trainings erfolgreich nutzt, setzt aber bereits ein gewisses Maß an dieser Eigenschaft voraus. Ist dieses nicht gegeben, dann wäre ein Beruf zu bevorzugen, in dem klar definierte, überschaubare Teilaufgaben zu erfüllen sind, an denen man leichter ‚dranbleiben‘ kann.

jm