EU Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Der Seiteneinstieg in den Lehrerberuf braucht viel Planung und Vorbereitung – aber der „Lernort Schule“ ist ein echter Gewinn für mich geworden!

Kornelius Ens, Seiteneinsteiger aus Nordrhein-Westfalen, Deutschland

Der berufsbegleitende Vorbereitungsdienst für das Lehramt an Gesamtschulen und Gymnasien dauert in Nordrhein-Westfalen im Regelfall 24 Monate  eine Lebensphase, die „ein erhebliches zeitliches Engagement und psychische Stabilität erfordert“, wie man als „Warnung“ auf den Internetseiten des Schulministeriums in NRW lesen kann. 

Fächerstudium war eine gute Vorbereitung für den Lehrerberuf

Ich selbst habe Geschichtswissenschaften, Theologie, Kultur- und Politikwissenschaften studiert. Ein gründliches Studium der Fächer ist zweifelsohne ein großer Gewinn und hilft mir jetzt dabei, die Unterrichtvorbereitung effektiver zu gestalten. Die didaktische Reduktion und entsprechende unterrichtliche Vermittlung der fachlichen Inhalte waren kaum einmal Gegenstand des fachwissenschaftlichen Studiums. Hier greift das Konzept des berufsbegleitenden Vorbereitungsdienstes. 

Reibungsloser Einstieg in den Lehrerberuf mit Unterstützung des Studienseminars

Der Einstieg in den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst verlief, nachdem alle Formalitäten des Bewerbungsverfahrens abgeschlossen waren, völlig reibungslos. Das Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL, früher: Studienseminar) in Bielefeld hat die besondere – das heißt vor allem: die im Vergleich zu den auch schon belasteten Lehramtsanwärtern zeitlich besonders angespannte  Lage der Lehrkräfte in Ausbildung wahr- und aufgenommen. Die vom ZfsL angebotene Ausbildung lässt es zu, sich die unterschiedlichen Lehrerkompetenzen anzueignen beziehungsweise diese auszubauen. Es ist von großem Vorteil, in den Kern- und Fachseminaren mit Kolleginnen und Kollegen zu diskutieren, die im gleichen Rahmen ihre Ausbildung absolvieren: So werden Problemsituationen schneller erkannt und organisatorische Hinweise sind unmittelbar zugänglich. 

Unterrichtsbesuche und gute Mentor/innen unterstützten meine Entwicklung

Der praktische Teil der Ausbildung beginnt mit Unterrichtsbesuchen der jeweiligen Fachleitungen. Die bereits vorhandenen Kompetenzen werden angesprochen und auf Möglichkeiten und Wege der Weiterentwicklung hin geprüft. Das Erstellen eines konkreten (Zeit-) Plans folgt direkt im Anschluss. Der Mentor an der Schule hat von schulischer Seite aus diese Aufgabe im Blick; im Fachseminar werden dann gangbare Wege diskutiert, konkrete Unterrichtskonzeptionen auf ihren Lehr- und Lerninhalt hin überprüft, entsprechende Methoden besprochen, effiziente Klausurkorrekturen eingeübt und potenzielle Problemsituationen in der Peripherie des Unterrichtens erörtert. An die fünf zu absolvierenden Unterrichtbesuche pro Unterrichtsfach schließt sich eine intensive Nachbesprechung mit dem Fachleiter und den schulischen Vertretern an. Die Diskussionsinhalte, nicht zuletzt eine eigene Reflexion des gehaltenen Unterrichts, spiegeln detailliert die Progression des Ausbildungsverlaufs wider und werden schriftlich dokumentiert. 

Annäherung an die Lehrerkompetenz

In den Kernseminaren werden in erster Linie die jeweiligen Handlungsfelder im Bereich der Lehrerkompetenz intensiv erarbeitet. Neben der klassischen Gestaltung des Unterrichts und der nachhaltigen Anlage des Lernprozesses steht vor allem die Wahrnehmung des Erziehungsauftrags in der Schule im Fokus. Zentral sind die Fragen, wie Schülerleistungen herausgefordert, beurteilt, erfasst, rückgemeldet sowie dokumentiert werden. Es werden Variationen der Beratung von Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern erörtert. Die Herausforderungen und Chancen der Heterogenität in einer Lerngruppe und Grundsätze des Systems Schule im Sinne der Entwicklungsorientierung komplettieren die Handlungsfelder.
Die erste klassische Prüfung, die es zu bestehen gilt, findet dann nach etwa einem halben Jahr statt. Da in der Regel niemand an Seminaren in Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften an der Hochschule teilgenommen hat, wird dies, meist in Blockseminaren, am ZfsL nachgeholt. Sofern jedoch ausreichend bildungswissenschaftliche Inhalte studiert wurden, ist eine Befreiung von diesen Seminaren und der daran anschließenden Prüfung, die als Kolloquium angelegt ist, möglich.

Mehrjährige Berufstätigkeit ist eine gute Grundlage der Ausbildung als Seiteneinsteiger

Aufbauend auf den „vorhandenen Fähigkeiten und Fertigkeiten“ soll der Seiteneinsteiger zur Lehrkraft ausgebildet werden. Dies ist eminent wichtig. Denn dank der zumeist mehrjährigen Berufstätigkeit verfügen die Lehrkräfte in Ausbildung über Erfahrungen und Kontakte, auf die sowohl die Schule als auch die Schülerinnen und Schüler gern zurückgreifen. Meine Erfahrung ist, dass dies als ein echter Mehrwert aufgefasst wird.
Die Dauer von 24 Monaten als Ausbildungszeit zu nutzen, ist sehr sinnvoll. Für die persönliche Weiterentwicklung sollte nicht nur eine Beziehung als Lehrer zu den Schülerinnen und Schülern und zum Kollegium der Ausbildungsschule aufgebaut werden, sondern ebenso als Lernender zu den Ausbildern. Dies benötigt Zeit und trägt zweifellos zu einer qualitativ hochwertigen Ausbildung bei.
In der Schule selbst wird im Rahmen von jeweils einer Mentorenstunde pro Woche und Fach über konkrete Unterrichtseindrücke diskutiert und beraten. Diese Sitzungen finden mit dem entsprechenden Ausbildungslehrer statt.

Selbstorganisation und Zeitmanagement sind Voraussetzungen dafür, dass der Seiteneinstieg gelingt

Während der Ausbildungszeit sollte man beachten, dass die Selbstorganisation ein entscheidender Faktor ist. So ist es empfehlenswert, sich unmittelbar nach Bekanntgabe des Deputats die jeweiligen Curricula, die meist schulintern „heruntergebrochen“ wurden, zu besorgen und zunächst gründlich mit dem obligatorischen Lehrbuch in Beziehung zu setzen. Erst danach ist möglicherweise eine weitere (und auch zeitintensivere) Recherche nach entsprechendem Material notwendig.
Am Anfang eines Halbjahres werden üblicherweise schulinterne Terminpläne verteilt, die Klausuren, Konferenzen, Elternsprechtage, Wandertage etc. regeln. Für eine Lehrkraft in Ausbildung sind diese Termine ausgesprochen wichtig, da insgesamt zehn Unterrichtsbesuche auf der Agenda stehen. Diesen Besuchen sollte ein erheblicher Zeitaufwand in der Vorbereitung beigemessen werden, denn sie verlangen neben einem umfänglichen Verlaufsplan der Unterrichtsstunde auch eine didaktische Kommentierung. Eine langfristige Planung ist letztlich auch für den Ausbilder von Bedeutung, der diese Besuche ebenfalls in seinen Termin- und Stundenplan integrieren muss.

Austausch mit Fachkollegen hilft bei der Unterrichtsplanung

Neben der langfristigen Planung sollten aber auch Kontakte zu (Fach-) Kolleg/innen geknüpft werden. Es kann von Vorteil sein, Ausschau nach Kolleg/innen zu halten, die bereits über Erfahrung mit Lehrkräften in Ausbildung verfügen bzw. die selbst erst vor Kurzem ihr Referendariat erfolgreich beendet haben. Man kann sich somit relativ schnell, beispielsweise beim Erstellen eines Erwartungshorizonts für eine Klausur, mit neuesten Formaten vertraut machen. Mit einem effektiven Korrekturverfahren lässt sich wiederum Zeit einsparen und oft auch die Qualität steigern.

Mein Fazit: Ich genieße es, mit Schülern zu arbeiten und sie für meine Themen zu begeistern

Abgesehen davon, dass die zweifellos knappen zeitlichen Kapazitäten, die neben den Unterrichtsplanungen, wöchentlichen Seminarsitzungen, Korrekturen, Beratungen, Konferenzen etc. bleiben, effizient ausgenutzt werden, ist es immer wieder ein unglaublicher Gewinn, in der Schule an einem „Lebensort“ zu sein. Die Herausforderungen zu meistern, dabei aber vor allem die positiven Signale und Entwicklungen der Schülerinnen und Schüler im Blick zu haben, macht den Charme des Arbeitsplatzes aus. Die Schülerinnen und Schüler für Ideale zu begeistern, sie zu fördern, auf das Leben vorzubereiten und zugleich inhaltlich nahe an den Themen zu sein, die man im (fachwissenschaftlichen) Studium schätzen gelernt hat, ist eine Kombination, die besonderen Reiz hat.