EU Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Lernprozess selber kontrollieren und bewerten - Training im Lehrerstudium

Bernhard Sieland, Katrin Rehme, Dörte Jahr und Melanie Stüber 


Ähnlich wie die Schüler in Mecklenburg-Vorpommern mit Portfolios ihren eigenen Spracherwerb einschätzen lernen, bekommen die Lehrerstudenten an der Universität Lüneburg ein Werkzeug in die Hand, sich selbst zu verändern: „Kooperative Entwicklung durch Selbststeuerung“ – kurz KESS genannt. 


Im Studium Selbstbewertung trainieren


Verantwortlich für die Entwicklung von KESS: der Lüneburger Professor Bernhard Sieland: „Das Entscheidende ist vom ersten Tag an: lerne selber deinen Lernprozess zu kontrollieren und lerne deinen Lernprozess zu bewerten. Studierende sind als Gymnasiasten falsch geprägt worden. Sie haben auf die Zensuren geschielt und der Prozess der Selbstbewertung ist nicht da.
Sie können Studierende heute fragen. Ich mache das immer. Sie sind im ersten Schuljahr und ein Kind kommt und fragt, Frau Meier ist das Bild schön und da sage ich den Studenten, schreiben sie auf, was sie antworten würden. 98 Prozent sagen, ja Claudia, das Bild ist schön. Und dann sage ich den Studenten, warum fragen sie nicht zurück, Claudia was gefällt dir denn an dem Bild am besten. Das sie erst die Selbstbewertung einfordern und dann kommentieren. Hier wäre das Erziehen aufrechter Menschen, die zur Selbstbewertung fähig sind, am Anfang, in ersten Schuljahr schon einzuleiten. Wir haben alle das Denken, ein anderer weiß, wie es richtig ist und lassen uns von dem bewerten und das ist ein heimlicher Lehrplan, der zerstört gehört." 

Lehrerrollen, positive Verstärkung und Geduld – Effekte von KESS 

Die Studenten von Bernhard Sieland lernen deshalb schon im ersten Semester, sich kleine, erreichbare Ziele zu setzen.

Katrin Rehme: „Also für mich finde ich es halt am wichtigsten, mich selber kennen zu lernen, weil ich ja später in der Lehreraufgabe – man muss halt so viele verschiedene Rollen einnehmen: als Lehrer, dann als Kollegen, dann wieder zum Elternabend, da hat man wieder eine andere Rolle. Da hat man so verschiedene Aufgaben zu bewältigen, unterschiedliche Schüler zu betreuen und man muss doch immer dabei beachten, dass man selber bleibt, dass ich mich nicht selber drin verliere in diesem Beruf. Da ich mich auch auf so viele Sachen konzentrieren muss - habe ich auch von meiner Freundin mal gehört – die ist schon fertig, dass man sich ganz oft in die Arbeit so reinsteigert, man möchte alles perfekt machen. Dass man nicht nur guckt, dass man alles für die Schüler macht und die Kollegen, für die Eltern, sondern dass ich gucke, dass ich dabei noch weiter meine Ziele verfolge.“

Dörte Jahr: „Gerade durch das Seminar ist mir ganz neu eröffnet worden, gerade wenn was nicht glatt läuft, mir trotzdem noch positive Punkte zusammenzuzählen und ich denke, dass baut unheimlich auf, dass man nicht nur immer das Negative sieht.“ 

Melanie Stüber: „Zu Beginn war es eben so, dass mir sehr viel im Nacken lag, ein Druck irgendwie, alles schaffen zu wollen und perfekt sein zu wollen und am besten alles auf einmal zu schaffen und langsam kriege ich so einen Überblick dafür, was ich so abarbeiten muss und das ist auch das Wesentliche, was ich für mein Lehrerdasein lernen möchte, dass ich dann auch gut strukturiert und organisiert bin und nicht so unter Druck stehe, alles auf einmal schaffen zu müssen. Das kann ein Mensch auch gar nicht alles so leisten. Dass ich dahin kommen möchte, auch ruhiger und gelassener zu werden.“ 

Damit werden diese Studentinnen in ein paar Jahren eine wichtige Fähigkeit mit an die Schule bringen: Geduld. Bernhard Sieland: „Wenn ich gemerkt habe, wie langsam es bei mir selber geht, mich einem persönlichen Ziel zu nähern, entwickle ich auf die Dauer die Geduld, auch bei Schülern, und Eltern und bei Kollegen, die man ja auch hin und wieder ein bisschen erziehen muss, zu warten. Der Fortschritt ist bei uns allen eine Schnecke.“

Informationen zu KESS unter “KESS – Kooperative Entwicklungssteuerung durch Selbstmanagement" 

Aufsätze zum Thema und zu der Ausbildung der StudentInnen unter Online-Dokumente der Universität Lüneburg, Institut für Psychologie" 

zitiert nach einer Sendung „Zeitfragen“ des Deutschlandfunks: 
Der Fortschritt ist eine Schnecke. Lehrer lernen lehren. 
Ein Feature von Barbara Leitner. 
Es sprach: Markus Hoffmann.
Regie: Steffi Ruh. Produktion Deutschlandradio Berlin 2001. 
"Deutschlandradio"