EU Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen

Wie bringt man Theorie und Praxis im Lehrerstudium zusammen?

Catrin Schmidt, Roswitha Ruthe, Margit Kuty, Deutschland 

Eines der Felder, auf dem die Universität Greifswald ganz nah an die Schule rückt, die Schulentwicklung durch Neues aus Lehre und Forschung bereichert wird, ist die Studentenbörse. Lehramtsstudenten gestalten Projekte an den Schule mit, üben Konfliktlösung, übernehmen die schulische Suchtberatung, geben Nachhilfe oder arbeiten im Schülercafé. Die Studierenden sammeln Erfahrungen, die sie sich an der Uni auch anerkennen lassen können. Die Lehrer werden entlastet. So sind Theorie und Praxis nicht ganz so fern voneinander. Dennoch ist mehr möglich, meint man am Zentrum für Lehrerbildung und tüftelt an einem frühen Praxissemester. 

Schon während der Hospitation Mut zum Ausprobieren der Lehrerrolle


Wahrscheinlich würden die Studenten dann mit mehr Übung und lockerer in die zweite Ausbildungsphase starten, meint Catrin Schmidt. Die 27jährige ist Referendarin im zweiten Ausbildungsjahr und kurz vor ihrer Prüfung: „Meine letzte Hospitation war (sie lacht) gerade so eine Stunde, wo mir gesagt wurde, dass ich die Schüler nicht totgequasselt habe, sondern das es eher andersherum war, dass sie eher mehr geredet haben. Und das lernt man auch mit der Zeit. An Anfang habe ich auch ununterbrochen geredet und ich wollte ihnen bei allem helfen und am besten auch die Lösung auch schon sagen, damit sie es nicht so schwer haben. Und man merkt aber, dass je mehr man das macht, desto weniger kommt von den Schülern und desto lauter wird es und desto mehr reden sie miteinander und wenn man Klassen hat, die auf einen anspringen und auch auf das Stundengeschehen, dann kann man eigentlich alles mit ihnen machen, also auch Gruppenarbeit, wo sie ja wirklich dann unter sich arbeiten, auch miteinander, wo sie auch kritisch miteinander umgehen. Und das macht dann richtig Spaß, wenn man dann nur noch in der Ecke steht und ich stehe dann wirklich in der Ecke und warte, dass dann irgend ein Schüler dann Hilfe von mir haben will. Und wenn man eine gute Klasse hat, passiert das fast gar nicht und da langweilt man sich auch fast. Aber das ist toll. Weil da merkt man, wie sie dann plötzlich zu Erkenntnissen kommen, wo man vielleicht selber noch nicht mal gelandet ist, oder die man in seiner Planung, obwohl man 1000 Dinge mit eingeplant hat, die gerade nicht drin sind. Ja, man kann das machen.“ 

So angeleitet im Unterricht, entwickeln sonst gelangweilt oder provozierend in ihren Bänken sitzende Schüler plötzlich Fähigkeiten, die unsere Dienstleistungsgesellschaft so dringend einklagt: Jeder ist mit seiner Idee, seinem Weg dabei. Die Gruppe steckt sich ein Ziel, überlegt, wie sie das Projekt präsentiert – ob als Plakat oder Video, als Website oder Rollenspiel. Die Schüler stimmen sich ab, kritisieren einander, entwickeln Teamgeist. Eine Form modernen Unterrichtens, die den Schülercliquen eher gerecht wird. So als Moderatorin des Lernens zu arbeiten reizt Catrin Schmidt. Doch ob sie dafür mit einer guten Note in der Lehramtsprüfung rechnen kann, ist eher ungewiss. Da hängt der Erfolg oft von anderen Dingen ab. Beispielsweise, ob jeder Schüler die gezeigten DIAs ohne Stühlerutschen sehen kann. 

Junge Lehrer mit Mut zu neuen Ideen nicht immer erwünscht


In diesem Sinne kritisiert auch Roswitha Ruthe das zweite Staatsexamen. Als Fachseminarleiterin ist sie an vielen Schulen unterwegs und weiß, dass längst nicht alle darauf warten, dass mit den jungen Lehrern auch neue Ideen kommen: „Es gibt da (aber) gelegentlich Probleme, wo Schulleiter, die dann sagen, bei den Referendaren ist es im Unterricht manchmal recht laut. Die dann nicht unterschieden zwischen einer Lautstärke, die einfach etwas mit dem Prozess zu tun hat, der dort stattfindet und Undiszipliniertheit. Da kann man dann für Verständnis werben und versuchen, klar zu machen, dass ein bisschen stärkerer Geräuschpegel nicht bedeutet, da wird nichts gelernt. Aber es gibt auch Lehrer, und leider auch Mentoren, wir haben nicht immer den Einfluss auf die Auswahl der Mentoren, den wir gern hätten, man weiß auch, wer viel mitzugeben hat und prinzipiell respektiert, dass der Referendar niemand ist, den er nach seinem Bilde formen soll, sondern der zwischen allen Dingen, die gesetzt sind, seinen Weg finden muss.“ 

Trotz Widerstand in der Schulrealität sollen Lehramtsstudierende Mut zu Neuem behaltenMargit Kuty, Fachdidaktikerin an der Universität Greifswald, erinnert sich an ihre Ausbildung, bei der ein Mentor meinte, ihr alles vorkauen zu müssen. Gerade deshalb lässt sie die Leine für ihre Studenten locker und ermutigt sie, ihren Stil und ihren eigenen Weg zu finden: „Es ist teilweise illusorisch. Ich weiß das, dass Studierende hier weg gegangen sind, relativ hoch motiviert. Dann ans Gymnasium oder eine andere Schule kamen, auf diese traditionellen Formen trafen, auf die Zwänge und auf die organisatorischen Dinge, die auch an der Schule eine ganz große Rolle spielen und dann gesagt haben, oh Gott, jetzt trifft mich die harte Realität. Das sehe ich auch. Aber nichts desto trotz bleibe ich immer noch dabei, ich möchte so viel wie möglich den Studierenden mitgeben, die sollen auch Dinge ausprobieren und das erfolgt oft sehr erfolgreich.

“ zitiert nach einer Sendung „Zeitfragen“ des Deutschlandfunks: Der Fortschritt ist eine Schnecke. Lehrer lernen lehren. Ein Feature von Barbara Leitner. Es sprach: Markus Hoffmann. Regie: Steffi Ruh. Produktion Deutschlandradio Berlin 2001."Deutschlandradio"